Brrrrrrrrexit

27.06.2016 10:03 | keine Kommentare

Sich politisch in Blogs zu äußern geht meistens nach hinten los. Genauso wie die vielen Menschen, die versuchen ihre politischen und populistischen Überzeugungen in den Kommentaren bei der Zeit, dem Spiegel oder anderen Onlinezeitungen auf Facebook preiszugeben. Ich empfinde es als unangebracht etwas derartiges für die Ewigkeit in einem sozialen Netzwerk zu schreiben und tue dies auch nicht. Die Versuchung ist aber immer groß. Letztendlich reicht dieser kleine Blog auch und trotz Crawling könnte ich zumindest selbstbestimmt alles offline nehmen. Aber wieso tue ich das nicht? Muss jemand dieser Flut an Wahnsinn nicht Einhalt gebieten? Vielleicht bin auch ich schon - Achtung Unwort - politikverdrossen, habe resigniert aufgrund genau dieser hoffnungslosen Fälle, die man in jedem Kommentarbereich heutzutage sieht. Interessant sind sie aber dennoch. Diese Kommentare, die wie Unfälle sind. Hingucken moralisch unvertretbar, aber dennoch tut man es. Wozu? Bei manchen sicherlich auch als Meinungspräger ... leider. Von großen. Ich empfinde die Kommentare teilweise als repräsentativ für eine bestimmte Personengruppen und das ist so traurig. Da kommt die Faust mit der geballten Wahrheit, wie die Leute denken. :-/

Meist mit bedrückendem Gefühl wühle ich mich dann durch den Kommentarbereich und das immer mit der greifbaren Versuchung selbst zu intevenieren. Ein gutes Beispiel, das mir den endgültigen Impuls gegeben hat, doch etwas dazu zu schreiben, ist ein stern.de Artikel, den ich auf Facebook fand und den ein "Facebook Freund" kommentierte. Nach dem Brexit gibt es nun eine Welle aus Empörung und Anschuldigungen, wie man denn so wählen kann und das man doch gefälligst vorher nachdenken soll, bevor man das Kreuz setzt. Autsch! Das tut so weh, wenn beim Kommentarschreibling die Reichsflagge als Profilbild wedelt. Dann weiß man auch direkt, wo man hier ist. "Wir sollten auch raus, dann leben wir nur von lokalen Angeboten und alles ist gut". Genau! Funktioniert garantiert super ... die Abschottung funktioniert ja auch schon in den einfachsten Strategiespielen. Wer kennt denn den Game Over nach 3 Runden Versuch nicht ... nur ohne Savegame?!

Das tut weh. Nie war Lesen auf Facebook dermaßen schwierig und schockierend wie in den letzten Tagen. Von blinder Gefolgschaft zu "Entzieht den #AltenSaecken das Wahlrecht" ist alles zu lesen. Leider gibt es keine eindeutige Wahrheit. Es kann auch keine ernsthaft gemeinte Alternative sein, das Wahlrecht in einer Demokratie so einzuschränken, dass nur "das richtige" Ergebnis dabei herauskommt, wie viele Wolfgang Gründingers Alte-Säcke-Politik missinterpretieren und auch auf Facebook massiv diese Meinung vertreten. Was her muss ist doch Aufklärung und Bildung, ein produktiver und zugleich engagierter Dialog zwischen Jung und Alt und viel weniger Polarisierung in solchen wichtigen Debatten durch die Politiker selbst. Oder vielleicht eben doch kein Volksentscheid bei komplexeren Themen als der Neubau einer Schule. Vielleicht auch eine Regelung zur Einstufung dieser Wichtigkeit bei Volksentscheiden mit 2/3 Mehrheitsvotumsgrenze. Denn sind wir ehrlich, die Art und Weise, wie in GB die Debatte von statten ging, war emotional und populistisch. Durchaus verständlich. Immerhin wollte eben jeder gewinnen. Die Frage ist aber, ob man derartige Propaganda machen muss, um jeden letzten Menschen zur Wahlurne zu zwingen oder ob man sachlich argumentieren kann und ob es nicht reicht, wenn diese interessierten Menschen wählen gehen. Den Rest hat es vorher ohne Propaganda nicht interessiert und so richtig tut es sie das auch nicht nach dem Setzen des Kreuzes, wenn "What is the EU?" nach erfolgreichem Brexit gegooglet wird. Das sieht man hervorragend an der Wahlbeteiligung. Mit Propaganda 70%, sonst maximal um die 45%. Wieso muss man diejenigen abholen, die sonst nie dabei sind und denen sonst alles egal ist? Und wieso muss man so ein Votum bei so einer wichtigen Frage überhaupt erst starten (siehe Zitat)? :-(

The best argument against democracy is a five-minute conversation with the average voter. (Winston Churchill)


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