Eine andere Welt II - iPhone ausprobiert

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Vor kurzem bin ich günstig in den Besitz eines iPhone 6s gekommen, Freundschaftspreis von einem Kollegen. Eigentlich bin ich Android-Verfechter und wie viele Android-Verfechter habe ich Apple-Produkte immer ein wenig skeptisch betrachtet.

Dieser Test ist aber keineswegs ein Sinneswandel. Ich wollte mir die Chance nicht nehmen lassen, iOS auch einmal persönlich zu testen. Eine relativ teure Entscheidung für ein gebrauchtes Gerät mit Hardware von 2015, aber durch den immer noch hohen Wiederverkaufswert könnte ich das Gerät bei eBay oder bei Kleinanzeigen sicherlich noch zu einem Preis verkaufen, bei dem ich keinen Verlust mache.

Ein anderer Grund war der Kampf mit meinem Nexus 5X. Ich habe keine Wunder erwartet als ich mir das Google Telefon gekauft habe, aber die häufigen Ruckler konnte ich nur mit ausgeschalteter Verschlüsselung beheben. Das empfinde ich als Zumutung, vor allem, da es von Google erzwungen wird und dann solche Nebeneffekte erzeugt. Das widerstrebt mir und so wurde die Neugier geweckt. Auch wollte ich keine 800€ für ein Google Pixel ausgeben. Für ein Apple-Produkt würde ich aber auch nie eine derartige Summe bezahlen, deshalb der Gebrauchtkauf. Letztlich sind es Gebrauchsgegenstände, die abgenutzt werden. Wenn Laptops am Ohr nicht so unhandlich wären, würde ich wahrscheinlich lieber damit rumlaufen.

Seit Mittwoch (17.05.2017) Abend teste ich im vollen Umfang das iPhone 6s.

Folgende Punkte werden bis zum Abschließen des Tests (1 Woche Gesamtdauer) und meiner finalen Entscheidung, ob ich nicht sogar ganz migriere, ergänzt. Sie sind Notizen für mich und gewähren einen ersten Einblick, was meine Meinung zum iPhone 6s ist.

Vorteile

  • zentralisierte Einstellungen für jede App
  • zentralisiertes und einstellbares Dash statt Google Now/Widgets (sehr viel angenehmer)
  • zentralisierte und übersichtliche Datenschutzeinstellungen (Man hat das Gefühl, dass im Hintergrund nicht irgendwelche Daten gesendet werden, obwohl das wahrscheinlich ein Trugschluss ist)
  • natives CalDav
  • schöne Emailapp
  • gute Kamera(app)
  • schnelle Fotos
  • Sprachqualität bei Anrufen sehr gut/deutlich besser
  • iTunes Backup/Rollback/Snapshot-Möglichkeiten eindrucksvoll (da hinkt Android stark hinterher)
  • alle "iDienste" problemlos deaktivierbar und mit eigenen zu ersetzen (vgl. CalDav)
  • Apple Apps wirken mehr businessorientiert (z.B. Kontakte, Kalender)
  • Kamera scannt QR-Codes wesentlich schneller als unter Android
  • HW/SW potent/stark optimiert, obwohl auf dem Papier Android Äquivalente wesentlich mehr Ressourcen haben (z.B. 2GB Ram, DualCore):
    • flüssige Animationen
    • viele Applikationen parallel

Nachteile

  • GKeyboard ist besser (Zahlen oberhalb, bessere Cursorverschiebung)
  • keine Einstellungsmöglichkeit für DefaultApps (3rd Party, z.B. Safari mit Chrome ersetzen, das wiegt schwer vor allem mit Chrome Sync und der Unmöglichkeit Safari als richtigen Ersatz zu nutzen)
  • inkonsistente Menüführung, vor allem bei "Backbutton"
  • inkonsistente Menüplatzierung (z.B. Spotify unten)
  • keine Möglichkeit "häufiger" zurück zu gehen (vgl. häufiges Android-Back-Button-Drücken für Activity backwards)
  • Fingerprint Unlock: TouchID schlechter als Google Imprint (iPhone 6s vs. Nexus 5X)
  • Software/iTunes (nur MacOSX/Windows!)
    • kein Verschieben des iTunes Ordners möglich
    • Ringtones dürfen maximal 40s lang sein
    • Ringtones müssen von .x in AAC und .m4r konvertiert werden
    • kein einfaches "in Ordner verschieben" für Computer Mount
    • idevicetools für Linux, kein Musik/Image Sync!
  • AppStore Preise für Apps viel zu hoch (vgl. Navigon 60€ Android zu 80€ iOS)
  • Hardwarebutton bei dem iPhone 6s "laut"
  • manche Dialoge lassen sich nicht durch einen Touch wegklicken (1980?), sondern nur mit der Auswahl einer der angebotenen Optionen

Ausgewogen

  • kein AppDrawer schadet nicht, gefällt sogar eher, obwohl ich mein Hintergrundbild doch gerne sehen würde
  • App Äquivalente auffindbar
  • merkwürdige Kabel (Lightning, USB C wäre hier "the-way-to-go")
  • nur zertifizierte Quick Charge Adapter
  • Apps trotz hohem Preis teilweise ungewartet

Sonstiges (subjektiv)

  • Preis bei Neukauf viel zu hoch
  • Gold ist "nicht so schön"
  • Windows Zusatzprogramme erlauben leichte Übernahme von Daten (z.B. WhatsApp Chats, die sogar zusammengeführt werden)

Akku Tests

  • 100% 2017-05-18 17:53
    • kurz Taschenlampe
    • 2 Telefonate
    • 40 Minuten ChromeCast
    • WhatsApp
    • NewsFeeds
    • Surfen
    • Alltägliches
  • 67% 2017-05-19 08:10
    • ein paar Fotos
    • WhatsApp
    • Surfen
    • NewsFeeds
    • Alltägliches
  • 29% 2017-05-19 21:00
    • NewsFeeds
    • WhatsApp
    • Alltägliches
  • 22% 2017-05-20 01:54
  • 15% 2017-05-20 10:45
  • 9% 2017-05-20 14:45
  • 4% 2017-05-20 16:21

  • Benutzung: 6 Stunden 7 Minuten

  • Standby: 46 Stunden 28 Minuten

Fazit

Der Test ist vorbei, das Gerät hat den Besitzer gewechselt. Ich habe es nicht länger als fünf Tage durchgehalten. Das hatte vor allem zwei wesentliche Gründe. Zum einen wollte ich den Test ohne ein Verlustgeschäft abschließen und die Preise beginnen durch die Leaks des iPhone 8 langsam zu schwanken. Zum anderen war ich gelangweilt. Ja. Richtig gelesen. Ich war gelangweilt vom Gerät. Neben den oben genannten Vor- und Nachteilen hat das Gerät tadellos funktioniert. Die Gründe, die aber am schwersten gewogen haben, war das Fehlen von Möglichkeiten, die man bei einem Android Smartphone als Selbstverständlichkeit hinnimmt. Die ganze Zeit blickt man auf die gleichen Icons mit den gleichen Beschriftungen an den gleichen Positionen. Nach einer so kurzen Zeitspanne war ich davon gelangweilt. Mein Hintergrundbild konnte ich auch nicht sehen. Des Weiteren ist nicht viel mit "rumspielen" mit dem System. Man kann eben nichts tun.

Das beste Feature war eigentlich iTunes mit der Backupfunktion. Hier muss Android etwas tun und zwar dringend. Leider ist natürlich die Bedingung dafür, dass man OS X oder Windows hat. Das finde ich ansich schade, denn mit mehr Offenheit könnte man hier durchaus punkten.

Das zweitbeste Feature war die nahtlose Integration anderer Dienste in die Einstellungen (Kalender mit CalDav), die sogar mit Siri Termine anlegen können. Das funktioniert unter Android nur mit dem Google Kalender.

Eines der schlechtesten Features war (neben der aufkeimenden Langeweile) die erzwungene Benutzung von Default Apps. Ohne Jailbreak kann man Chrome oder einen anderen Mailclient nicht als App nutzen. Links in WhatsApp werden mit Safari geöffnet und man muss dann von Safari aus den Link für Chrome teilen. Im Prinzip wird man für den Browser so zu einem weiteren Apple-Produkt genötigt, denn eine Synchronisation von z.B. Browserdaten geht nur von Mac zu iPhone. Safari wird sogar für Windows nicht mehr gepflegt.

Auch das inkonsistente Design ist - für mich zumindest überraschend - ein No-Go. Ein zentraler Backbutton fehlt einfach. Das ist in Android auch nicht immer gut gelöst, aber mit den letzten Releases und mit Marshmallow bzw. Material Design einfach konsequenter umgesetzt. Ich hatte das Gefühl, dass ich wesentlich mehr "Touchs" (schätzungsweise 50% mehr) machen muss als unter Android. Das ist unter User Experience Aspekten ein Unding.

Zusammenfassend betrachtet bereue ich den Test nicht. Es war gut, dass ich mir auch die andere Seite ansehen konnte. Für einen derart hohen Preis würde ich aber jedem immer zu einem Android-Gerät raten. Oder eben zu zwei Geräten zum gleichen Preis :-). Die verbaute Hardware ist teilweise für 50% zu erhalten. Auch gibt Apple nur 1 Jahr Hardwaresupport, wenn man nicht Apple-Care für 149€ dazukauft. Macht dann schlappe 1268€ für das beste Modell mit 3 Jahren Support. Software gibt es aber länger als bei Googles Pixel, das finde ich gut. Software bringt nur nichts, wenn nach 1 Jahr die Hardware defekt ist.

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