Eine andere Welt - Mac OS X Sierra ausprobiert

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Die Idee, Mac OS X auszuprobieren, hatte ich schon über einen langen Zeitraum. Eigentlich wehre ich mich gegen alle Apple-Produkte, weil ich sie zu stark einschränkend und beschneidend finde. Als gestern ein Kollege Werbung für Hackintosh gemacht hat, habe ich mich entschieden, es auch mal wirklich auszuprobieren. In letzter Zeit friert mein GNOME unter ArchLinux gelegentlich (alle zwei Wochen 1x) ein und reagiert auf keine Befehle mehr. Ich habe die Vermutung, dass es an X.org liegt oder an NVIDIA, bin mir natürlich nicht sicher. Es war also genau nach so einem Freeze, wo ich dann endgültig den Entschluss gefasst habe, meinen Horizont zu erweitern und Mac OS X auszuprobieren. Für diejenigen, die Hackintosh nicht kennen, ein paar kurze Stichworte:

  • 1:1 Mac OS X
  • jede Funktionalität des OS so wie man es in einem Mac auch hat
  • Treiber für "Nicht-Macs" werden injiziert durch den Bootloader Clover
  • Clover erlaubt auch Triple-Boot (wie bei mir mit ArchLinux, Windows, Mac OS X)

Hackintosh ist bekannt dafür, dass es nicht auf jeder Hardware läuft, weil Mac OS X nur für bestimmte eigene Hardware entwickelt wird. Ich hatte aber Glück, denn mein Gigabyte Motherboard, mein Intel i7 Haswell Prozessor und meine Geforce GTX770 Grafikkarte werden per driverinjection direkt unterstützt und ich musste keine nichts anpassen außer NVIDIA Web Driver. Den Schritt, den man benötigt, um erst einmal an ein Mac OS X Sierra Image zu kommen, werde ich hier nicht weiter beschreiben, da der Vergleich hinkt, wenn man einen normalen Mac kaufen würde. Zusammenfassend war es aber anstrengend den bootbaren USB-Stick zu erzeugen, schade, dass die Community hier keine fertigen create bootable mac os stick.sh für Linux/Windows anbietet.

Installation

Die eigentliche Installationsprozedur ist schlicht und intuitiv gestaltet. Vom Stick booten und ich konnte direkt die mit HFS+ formatierte Partition benutzen, die ich beim Platzschaffen für Mac OS X mit gparted erstellt hatte. Das waren genau drei Klicks und Mac OS X wurde installiert.

Natürlich hat der Bootloader Clover mein EFI systemd-boot überschrieben und ich wurde aus der Linuxwelt ausgesperrt. Mithilfe des ArchLinux Wikiartikels war Linux schnell wieder in der Bootauswahl. Clovers Konfigurationsdatei finde ich persönlich aber recht merkwürdig strukturiert, obwohl es ja nur XML ist. Der Boot hat aber zuverlässig funktioniert und ich konnte Mac OS X zu diesem Zeitpunkt schon benutzen.

Final sah das ganze dann so aus:

Bootloader Clover

Ein paar Einträge zu viel, die Clover automatisch erkennt, aber das war mir egal, ich wollte nicht mehr in die XML Datei und auch nicht in den Clover Configurator, der wohl das schlimmste Stück Software ist, was ich je benutzen musste. Immerhin unterstützt Clover aber high resolutions direkt im Boot. Das gefällt mir und deshalb fällt es auch nicht schwer, dass Clover nun den Bootloader stellt.

Eindruck

Mit dem Ziel ein stabiles System bei ungefähr gleicher Funktionalität zu haben, bin ich an dieses Projekt herangegangen, auch mit dem Wissen, dass ich nie 1:1 das haben werde, was ich zuvor hatte. Ich bin nicht verschlossen gegenüber neuen Dingen, denn schließlich habe ich vor längerer Zeit auch etwas Neues mit Linux probiert, obwohl das natürlich schon länger her ist. Ich bin lernwillig, aber anspruchsvoll.

Mein erster Schritt war also die Installation meiner gewohnten Programme, die auch alle ein Mac OS X Pendant haben. Das ging eigentlich problemlos, bis ich dann auch endlich verstanden habe, dass .dmg Dateien wie ISO/Archive sind und man wirklich alles im Filebrowser per Drag'n'Drop verschieben kann, auch eben die enthaltenen .app Verzeichnisse einfach in den Programmeordner. Kinderleicht! Das habe ich, sobald ich es erkannt habe, als wirklich sehr angenehm empfunden. Leider hat es auch Nachteile, die denen bei Windows ähneln: Programme hinterlassen mal hier und mal dort ein paar Restdateien (und ich rede hier nicht von Benutzer bezogenen Konfigurationsdateien), die man ohne zusätzliche Tools nicht wirklich los wird, vor allem nicht schnell. Aber da hat AppCleaner geholfen. Das allerdings auch das erste Mal, als ich mich nach meinem Linux mit Paketverwaltung zurückgesehnt habe, auch wenn pacman kein schönes Drag'n'Drop kann. Aber kein Problem. Das kannte ich ja aus meiner Windowszeit. Und der AppCleaner scheint auch wesentlich weniger Müll wegräumen zu müssen als bei Windows. Immerhin ist Mac ein UNIX System. Leider war bei einem Paket aber direkt so eine "Shareware" dabei.

Mac OS X Sierra

So sah mein fertiger Desktop dann aus. Das Hintergrundbild finde ich richtig schön. Und so was in der Standardauswahl! Fertig. Ich konnte alles benutzen, was ich wollte und habe das auch für fünf Stunden produktiv eingesetzt, das alltägliche Surfen, Mails, Chat und natürlich ein wenig mit dem Terminal rumgespielt. Fünf Stunden sind nicht sehr lang, ich weiß. Aber ab welcher Grenze hört man auf und widmet sich dann dem, was während der Benutzung auffällt und was einen stört? Meine Grenze wurde nach diesen fünf Stunden erreicht und ich wollte einige Dinge, die mich wirklich sehr gestört haben, bereinigen:

1. Virtuelle Desktops / Fenstermaximierung / Vollbildmodus

Jeder kennt sie, kein Windowsbenutzer setzt sie ein :-): virtuelle Desktops. Sie haben den Vorteil, dass man Programme strukturiert im Vollbildmodus oder im Splitscreen nebeneinander anordnen kann und das über mehrere virtuelle Schreibtische, ohne Programme immer wieder minimieren zu müssen oder mit ALT + Tab zu wechseln. Unter Linux benutze ich dieses Feature intensiv und habe bei normaler Tagesgestaltung zwei virtuelle Desktops pro Monitor, also bei meinen drei Monitoren 12 an der Zahl, die alle belegt sind. Ich wusste, dass Mac OS X das auch unterstützt und das war mir wichtig. Ein Verzicht ist nur in der Not möglich. Wir sind ja nicht mehr im Jahr 2000.

Das klingt doch gut, was ist denn nun das Problem? Das Problem ist die Unmöglichkeit (ohne Zusatzapplikationen) Programme zu maximieren. Maximieren kennt Mac OS X nicht. Mit dem grünen Punkt oben im Fenstertitel wechselt das Fenster in den Vollbildmodus. Dabei heißt Vollbildmodus die Erzeugung eines neuen virtuellen Desktops, wo dann "fancy" hinanimiert wird. Als ich darüber nachgedacht habe, kam mir der Gedanke, dass es ja einfach Gewohnheit ist, das zu erwarten. Aber so richtig stimmen konnte das nicht, wenn ich doch die Möglichkeit habe Fenstergrößen manuell zu ändern und es auf maximale Desktopgröße per Maus ziehen kann, wieso soll das dann nicht per Shortcut oder Doppelklick auf die Titelleiste des Fensters gehen? Ein Doppelklick auf den Fensterrand hat das Fenster mittig in eine für mich zufällig bestimmte Größe gebracht. Dieses Verhalten finde ich inakzeptabel, dem Benutzer sollte hier die Möglichkeit gegeben werden, Präferenzen anzugeben. Das ist aber nicht der Fall. Ein schnelles Googlen hat mir dann das Programm "RightZoom" ausgespuckt, mit dem ich "den grünen Punkt" und der Titelleiste beibringen konnte, das Fenster zu maximieren. Wieso braucht man dafür ein zusätzliches Programm?

2. Programmshortcuts

Ich selbst öffne während der Computerbenutzung hauptsächlich Programme durch Shortcuts oder durch die super Taste, die Eingabe des Namens und bestätige dann mit ENTER. Viele Benutzer werden das tun, weil es ein sehr viel schnelleres Navigieren und Öffnen von Apps erlaubt. Windowsnutzern ist super + E für den Explorer vorbehalten, eine perfekte Platzierung, wie ich finde und so habe ich auch mein GNOME Nautilus auf diese Tastenkombination gelegt. Nun habe ich also versucht das Öffnen meines Benutzerordners unter Mac OS X auch auf diese Tasten zu legen. Nachdem das Anpassen der Systemtastenkombination nur in einem "Beep" resultierte, hat Google mir Automator vorgeschlagen. Nach drei Anleitungen und dem immer wieder kehrendem Beep habe ich es aufgegeben und dann Appetive installiert. Damit ging es. Das hat aber ein zusätzliches Trayicon erzeugt. Wieso kann man Programme nicht einfach auf eine Taste legen ohne großen Aufwand?

3. Dock

Mac OS X ist bekannt für sein Dock. Das, was unter Windows die Taskleiste ist und häufig nachgeahmt wurde, überzeugt. Das visuelle und akustische Feedback, dass das Dock liefert, ist gut und dem Äquivalent aus GNOME (wenn man die Dash To Dock Extension benutzt) überlegen. Ich habe es zu Beginn in der Standardeinstellung gelassen und es wurde mittig am unteren Bildschirmrand platziert. Das ist für die meisten OK, aber ich finde, dass man bei heutigen 16:9 Monitoren doch genau den Vorteil des Seitenverhältnisses ausnutzen kann und das Dock lieber am rechten oder linken Rand ablegt, da es dort die Sicht viel weniger behindert. Die Umstellung ging problemlos. Als ich dann aber die Option "Dock automatisch verstecken" aktiviert habe, wurde mir schmerzlich bewusst, dass das kein "intelligentes" Verstecken ist: einblenden, wenn Platz frei, ausblenden, wenn ein Fenster über dem Dock liegt. Es wird immer versteckt, egal, ob ein Fenster überlappt. Das Herausfahren aus diesem "Verstecktzustand" hat leider nur ungenügend funktioniert und ich musste häufig "feste" mit der Maus gegen das Dock fahren, bis es sichtbar wurde. Nun habe ich es wieder sichtbar in der Mitte. Das, was ich eigentlich nicht wollte.

4. Vor- und Zurückbutton an der Maus

Der letzte Punkt betrifft nur Nutzer von PC Hardware bei Apple-Produkten. Ich finde das aber trotzdem wichtig, da viele Apple-Benutzer auch mal Mac-fremde Hardware anschließen möchten. Bei mir eine Maus. Da gibt es ein Problem. Zusatztasten für vor/zurück gehen nicht, weil Mac OS X diese zusätzlichen Maustasten nicht erkennt bzw. richtig einordnet. Mit bettertouchtool konnte ich dann "Swipe Forward" und "Swipe Backward" auf meine Maus 3 und 4 binden und es war im Browser und Finder verfügbar. Das sollte automatisch gehen.

Fazit

Mac OS X Sierra/Hackintosh wird wohl erst einmal auf der Partition bleiben, da die 30GB entbehrlich sind und die Erstellung eines Bootmediums Nerven gekostet.

Viele meiner Vorurteile waren unbegründet und übertrieben, da bin ich ehrlich, aber trotzdem nicht durchweg falsch. Ich finde, dass Mac OS X viel Schein und wenig Sein ist, wenn man es alltäglich gebraucht. Ich finde auch, dass ich das trotz nur 10 stündiger Nutzung durchaus halbwegs bewerten kann, da ich schon einige OS und Desktopumgebungen getestet habe und 10 Stunden dafür schon sehr lang sind. "fancy" Drag'n'Drop, aber zu wenige Einstellungsmöglichkeiten bei der Fensterverwaltung und fehlende Leichtigkeit bei App-Shortcutstarts. Außerdem hat es einige Windows ähnliche Schwächen bei der Installation/Deinstallation von Programmen.

Ich glaube nicht, dass es zu meinem Hauptsystem wird. Ob das nun am Unwillen liegt es dauerhaft auszuprobieren oder am Geiz für das "finale Erlebnis" einen 3000€ iMac zu kaufen, wo das Preis/Leistungsverhältnis meines Erachtens nicht stimmt. Vielleicht gefällt es mir schlichtweg auch nicht zu 100%, das weiß ich nicht. Gefallen hat mir aber definitiv der "saubere Stil", der (meist) durchweg benutzt wird. Auch das Drag'n'Drop von jeder beliebigen Stelle X an jede beliebige Stelle Y, habe ich als sehr angenehm empfunden. Dem gegenüber steht aber der Auslieferungszustand ohne persönliches Zutun, den ich im heutigen Zeitalter und bei der Konkurrenz nicht mehr nachvollziehen kann. Es kommt mir nicht so innovativ und intuitiv vor, wie ich es gedacht habe und vor allem nicht, wie ich es immer von allen Apple-Benutzern aus Erzählungen gehört habe. Allgemein erinnert mich die Handhabung im Auslieferungszustand an eine weniger funktionale GNOME 3.0 Release Candidate Version. Da stellt sich mir die Frage, wieso viele der Apple-Fans so auf die Produkte schwören und wieso dermaßen viel Geld in Apples Richtung fließt. Selbst wenn es einmal innovativ war, so ist es das heutzutage nicht mehr. Auch die letzte Key Note hat mich nicht vom Gegenteil überzeugt. Ich glaube, dass Apple sich auf dem Ruhm vergangener Tage ausruht, denn keine Frage, obwohl es mich nicht überzeugt hat, so konnte ich alles erledigen und die Bedienung mit dem Drag'n'Drop ist zumindest für eine weniger versierte Nutzerbasis sicherlich ein Erfolgsgarant (gewesen).

Fazit: Leider ist kein OS perfekt, auch dieses nicht. Vielleicht auch nur nicht für mich, der auf die Nutzung eines zuverlässigen und im höchsten Maß anpassbaren Systems (beruflich) angewiesen ist.

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